Zufrieden oder glücklich ?

Manchmal fliegen einem Bücher zu, die die Seele erschrecken lassen. Solch ein Büchlein hat mir soeben Hubert Schwarz geschenkt. Sie wissen schon: Jener Extremsportler, der mich zum Ironman gemacht hat. Dem ersten deutschen RAAM-Finisher (Wissen Sie, was das ist?). Der mit dem Rad um Australien und dann 1 Mal um die Welt fuhr. Und neuerdings zum Frühstück ziemlich regelmäßig den Kilimandscharo besteigt.

Schickt mir also ein Büchlein von Hermann Scherer. Der studierte Betriebswirt schrieb u.a. „Sie bekommen nicht, was Sie verdienen, sondern was Sie verhandeln“, „Spielregeln für die Pole-Position“ und eben „Glückskinder“. Und man merkt schon beim Durchblättern, dass der Mann offenbar viel nachgedacht hat. Im Untertitel heißt es: Warum manche lebenslang Chancen suchen – und andere sie täglich nutzen? Mich hat dann folgende Passage tief berührt.

Ich zitiere einfach aus GLÜCKSKINDER:

Wir wollen einmal 100 Menschen von der Geburt bis ins Alter begleiten. Stellen Sie sich dabei vor, Sie springen am 63. Geburtstag all dieser Leute aus einer Torte mit den Worten „Herzlichen Glückwunsch!“ und der Frage: „Betrachten Sie Ihr Leben als Erfolg?“ Wie viel Prozent würden mit einem Ja antworten?

Tatsächlich tun das nur 41 % und 36 % können die Frage leider gar nicht mehr beantworten, weil sie schon gestorben sind. Laut „the books of lists“ bleibt nur ein einziger Mensch davon übrig, der voller Freude herausschreien kann: „Halleluja! Ich bin eine einzige verdammte Erfolgsgeschichte!“ Und wenn Sie sich so umschauen, dann lässt sich das subjektiv auch bestätigen.

Aristoteles wiederum nannte Glückseligkeit das einzige Ziel, das um seiner selbst willen erstrebenswert ist – also das Ziel aller Ziele. Er sprach nicht von Zufriedenheit! Glück ist folglich ein Maßanzug. Die meisten Menschen sterben aber in abgetragenen Anzügen von der Stange oder aus dem Second-Hand-Laden …

Dabei kommt jeder liebend und lernend zur Welt. Uns wurde das Paradies geschenkt. Wir dürfen es ertasten, erschnuppern, erschmecken. Die Welt kennenlernen, ein Leben lang lernen. Doch was machen wir? Wir opfern das Paradies nach und nach: den Umständen, der Schule, der Karriere, der Familie. Wir sind keine Selbstliebhaber und wir sind auch keine Weltliebhaber. Wir sitzen vielmehr hinterm Ofen und kleben Rabattmarken. Und entscheiden uns dafür, zufrieden zu sein – statt glücklich !

Ich weiß schon heute, dass ich unzufrieden sterben werde, denn ich war mein Leben lang immer unzufrieden. Ja, die Unzufriedenheit hält mich am Leben, denn so gibt es immer etwas zu verbessern, immer etwas zu tun. Die Unzufriedenheit treibt mich in den Flow. Kann man unzufrieden glücklich sein? Ich hoffe es.

Übrigens: Der auch als Vortragsredner bekannte Scherer ist ein seltsam ehrlicher Mensch. Der versucht sogar merkbar, sich selbst möglichst wenig schön zu reden.

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