Covid-19 und Niacin

In einer groß angekündigten, neuen deutschen Studie von Prof. Stefan Schreiber (Universität Kiel) geht es um folgende Frage: Hilft ein bestimmtes Vitamin, um eine milde Covid-19-Erkrankung zu stabilisieren und die Zahl schwerer Verläufe (Sauerstofftherapie) zu reduzieren ? Dazu soll ausdrücklich der Ernährungsstatus der Patienten „gezielt“ optimiert werden. Da kann ich nur sagen, Glückwunsch ! Endlich !

Seltsamerweise soll das geschehen durch

1.000 mg Niacin (Vitamin B3).

Als Laie frägt man sich erstaunt: Warum gerade Niacin ?

Ganz einfach: Prof. Schreiber hatte schon 2012 zusammen mit 20 anderen Autoren etwas Hochinteressantes entdeckt: Etwas entdeckt am Beispiel der schlimmen Darmentzündung Colitis ulcerosa. Da weiß man, dass die Darmschleimhaut genauso wie die Lunge jene Rezeptoren (ACE2) enthält, an die das Corona Virus andockt. Also hochaktuell, seine damalige Arbeit !!

Und was hat er herausgefunden, dass Tryptophan genauso wie Niacin solche Entzündungen stoppen. Das halte ich für eine wirklich erfreuliche, bedeutende Entdeckung. Wobei jedem Fachmann sehr wohl klar ist, dass aus Tryptophan Vitamin B3. Was man also nimmt, ist gehupft wie gesprungen …

Also warum dann Vitamin B3 ? Weil Prof. Schreiber klug ist: Hätte er gleich Tryptophan als die richtige Substanz angekündigt, hätte er den üblichen Shitstorm geerntet. Was, ein Schlafmittel ? Ein Antidepressivum ? Weiß der noch, was er sagt ? … Ja, so ist der Mensch (auch).

Die Entdeckung durch Prof. Schreiber 2012 als Zitat:

Der Rezeptor ACE2 ist der Schlüssel zur Regulierung ausgeglichener Aminosäure-Level, für das kompetente Immunsystem, für eine ausgeglichene Darmflora und entscheidet, ob eine Colitis ulcerosa übertragen wird oder nicht. Die nunmehr gefunden Ergebnisse bieten eine molekulare Erklärung dafür an, wie eine schlechte Versorgung an Aminosäuren Darmentzündung und Durchfall erzeugt.

Einen Eindruck davon, wie stolz die 21 Autoren auf diese großartige Entdeckung sein können, die uns heute in der Corona-Krise direkt betrifft (ersetzen Sie Darm einfach durch Lunge !!), sieht man an den folgenden Sätzen aus der Arbeit. Ich zitiere einfach der Reihe nach:

  • Der Mangel an Nahrungseiweiß (!) hat breit gestreute Effekte auf verschiedene Organsysteme. Wir konzentrieren uns hier auf schwere Entzündung.
  • Unsere Forschung bietet einen völlig neuen Einblick in den Zusammenhang von Eiweiß-Fehlernährung (Mangelernährung) und Colitis sowie Durchfall.
  • Tryptophan braucht man, um im lebenden Organismus Vitamin B3 zu erzeugen. Ein Mangel an Vitamin B3 oder Tryptophan (!!!) in der Nahrung ist die Ursache von PELLAGRA, einer Krankheit, die immer noch endemisch auftritt in vielen Ländern, in denen zu wenig Eiweiß gegessen wird.
  • Über 90 % der Pellagra-Patienten erleiden eine Darmentzündung und werden dann mit Vitamin B3 behandelt.
  • Bei Mäusen mit schwerer Colitis hat sich gezeigt, dass die durch eine mangelnde Aufnahme von Tryptophan entsteht. Die Gabe von Tryptophan korrigierte den Serumspiegel. Eine Diät frei von Tryptophan verstärkte (bei unseren Mäusen) die Entzündung und auch den Gewichtsverlust.
  • Eine Diät mit wenig Tryptophan hat die Peptide signifikant reduziert. Die sind verantwortlich für die Bekämpfung von Mikroben. Leider. Tryptophan, gegessen, kontrolliert die Bildung von Peptiden, also Eiweißstoffen, die im Dünndarm Mikroben vernichten können.
  • Und ganz wichtig: Unsere Daten zeigen, dass die essentielle Aminosäure Tryptophan und ihr Metabolit (Abbauprodukt) Vitamin B3 der Schlüssel sind zur Regulierung der Darmflora und zur Neigung zu einer Darmentzündung.

FAZIT: Dank Prof. Stefan Schreiber lässt sich folgendes festhalten:

  • Tryptophan genauso wie Vitamin B3 (sind für Professor Schreiber das gleiche) heilt Entzündungen im Darm.
  • Nachdem dort die gleichen Rezeptoren (ACE2) verantwortlich sind wie in der Lunge (wo das Corona Virus hauptsächlich andockt) und Körperzellen zerstört, hat die Medizin mit Tryptophan und/oder Vitamin B3 plötzlich eine starke Waffe gegen das Virus in der Hand.

So kam es zu der eingangs erwähnten, neuen Studie …

Quelle: NATURE, Vol 487, 26.7.2012, S. 477

PS: Sie wissen, dass ich selbstverständlich in 48 Jahren Medizin dazugelernt habe. Demzufolge ist eine einzelne Substanz zwar ein guter Anfang, jedoch niemals die wirkliche Lösung ! Weiß man z.B. von Depression. Die alleinige Gabe von Tryptophan ist dort nicht immer hilfreich, sondern vielmehr die Korrektur des gesamten Aminogramms – damit auch des Immunsystems !