Kraft kann man nicht röntgen

Warum Sie, liebe Leserinnen und Leser, fast alle an Kreuzschmerzen leiden? Bei „nur gelegentlich“ gratuliere ich Ihnen natürlich. Denn Viele von Ihnen spüren den Rücken schon seit Jahren. Abhilfe? Na, Massage, Einrenken und Physiotherapie. Heißt für mich: Sie lassen wieder einmal andere Menschen für sich arbeiten! Ich habe das immer für einen Fehler gehalten, besonders, wenn es um die Gesundheit geht.

Frohmedizin betont die Eigenverantwortung. Das Verlassen der Komfort-Zone. Selbst arbeiten. Schuften, wenn Sie so wollen! Oder laut Duden: plagen, sich abmühen, rackern ! Warum ich heute so streng bin? Weil mir soeben ein Physiotherapeut das Herz gewärmt hat. So ganz anders. Ein Mensch mit Erfahrung, der genau weiß:

Schmerz ist Kraftverlust.

Ist Ihnen auch längst bekannt unter dem Stichwort „Kraft nimmt Schmerz“. (News vom 16.2.2009) Und dieser Physiotherapeut betont sehr richtig, dass man Kraft eben nicht röntgen kann, auch nicht im Kernspin erkennt. Und daran oder dadurch würde die orthopädische Schulmedizin scheitern …

Denn, wo Schulmediziner nichts erkennen können, da ist dann auch nichts. Also ist Ihr Rücken (laut Röntgen, laut MRT) gesund. Die Schmerzen bilden Sie sich dann wohl nur ein. Nehmen Sie halt ein paar NSAR …

Weil das Mail das Problem so gut beschreibt, hier noch einmal wörtlich:

Das Grundübel der ganzen muskuloskelettaren Medizin ist der Wille, alles SEHEN zu wollen, also im Röntgen, MRT etc.. Dann sieht man eben die kaputten Bandscheiben, die Arthrose usw . Diese Sichtweise ist orthopädisch gefärbt und in der Orthopädie spielen Muskeln eben keine große Rolle.

Auf dieser Grundlage werden nun auch Therapeuten ausgebildet, die wiederum ihren Focus auf dem Knochengerüst halten, wenn sie keine anderen Erfahrungen haben. Tatsächlich aber sind Rückenschmerzen i.d.R. funktionelle Störungen auf der Basis von de facto Kraftverlust, die man so nicht sehen kann !

In meiner manuellen Therapie-Ausbildung nach Kaltenborn standen Triggerpunkte, Sehnenansatzreizungen und muskuläre Dysbalancen nicht im Vordergrund. Man findet aber auch in Läuferforen oder in Ihrem Forum immer wieder die gleichen Beschwerden: Piriformissyndrom, Compartementsyndrom, Patellaspitzensyndrom usw..

Herr Dr. Strunz, Sie sind um Welten weiter als die meisten Ihrer Kollegen und ich werde mich noch den Rest meiner beruflichen Karriere über Ärzte und Therapeuten ärgern müssen, die ihre Patienten krankreden.

Lassen wir mal das Schimpfen und Jammern ! Denken wir positiv. Lernen Sie: Schmerz ist überflüssig. Schmerz kann man „wegarbeiten“. Sehen Sie, erfahrene Orthopäden oder Osteopathen wissen das auch. Die wissen um das Geheimnis der „Arbeit“, an der die Heilung in der Regel scheitert.

Der Mensch, ich eingeschlossen, ist leider eher träge und faul. Auch ich muss mich jeden Tag aufs Neue zusammenreißen. Weiß andererseits ein bisschen etwas über das Geheimnis der „inneren Energie“. Diesbezüglich fehlt Ihnen noch ein kleines Büchlein. Eine praktische Gebrauchsanleitung. Weiß ich …!

Rückenschmerzen richtig verstehen

Die sind nämlich fast immer gutartig. Und gehen – fast immer – wieder weg, wenn man seine Komfort-Zone verlässt. Wenn man die Beine in die Hand nimmt und aktiv wird. Das ist die Botschaft hinter einem selten glücklichen, psychologisch außerordentlich geschickten Interview im neuen „Spiegel“ (DER SPIEGEL 6/2018, S. 96). Es äußert sich ein Physiotherapeut vom Rückenzentrum Am Michel in Hamburg.

Der nachgedacht hat. Und sehr viel davon hält, dass der Patient seinen Schmerz „verstehen“ sollte. Was in der Regel eben nicht der Fall wäre. Der Patient bekäme viel mehr ein drohmedizinisches, falsches wie schlimmes Bild von seiner Wirbelsäule und/oder von seinen Bandscheiben vermittelt. Verzweifelt dann innerlich und … steht der Heilung selbst im Weg. Das Interview ist so geschickt und klug, dass ich es hier einfach wörtlich wiedergeben möchte. Also Zitat:

SPIEGEL: Sie sagen, viele Patienten hätten eine falsche Vorstellung, warum der Rücken wehtut. Was meinen Sie damit?

Richter: Unbedachte Aussagen von Ärzten, Osteopathen, Physiotherapeuten werden als Drama und Katastrophe verstanden. Ein Beispiel: Wenn der Behandler sagt, die Lendenwirbelsäule sei nicht stabil genug, dann meint er eigentlich nur, die Muskulatur arbeite nicht harmonisch – doch der Patient hört, die Region könnte bald auseinander brechen oder sei verrutscht. Tatsächlich ist es aber eine normale Erscheinung des Alterns. Auch Begriffe wie „degeneriert“ oder „verschlissen“ werden so verstanden, dass der Rücken kaputt ist. Daraufhin schützt und schont der Patient seine Lendenwirbelsäule – und macht den Schmerz hierdurch noch schlimmer.

SPIEGEL: Wer zu verschiedenen Behandlern geht, der bekommt oft sehr unterschiedliche Erklärungen für seinen Schmerz serviert. Warum ist das so?

Richter: Die Erklärungsmodelle der verschiedenen Heilberufe können sehr unterschiedlich sein, erst recht, wenn die Beschwerden bei einem Patienten nicht weggehen. Deswegen bekommt er unzählige Befunde und Diagnosen zu hören. Der Patient versteht das leider so: Was ich habe, ist so komplex, dass keiner die Ursache finden kann. Wir sehen Patienten, die kommen mit Aktenordnern voller Diagnosen und Berichte. Sie werden vom System regelrecht krank gehalten.

SPIEGEL: Was empfehlen Sie?

Richter: Zu Beginn sollte der Behandler den Patienten systematisch informieren: Schmerz ist ein Frühwarnsystem, das bereits aktiviert wird, wenn potenzieller Schaden droht oder erwartet wird, auch wenn gar keine Struktur beschädigt ist. Schmerz ist also nicht identisch mit einem Gewebeschaden – und deshalb kann man trotz Rückenschmerzen aktiv sein. Mit dieser Botschaft bekommen wir viele chronische Patienten wieder zurück in die Aktivität.

SPIEGEL: Hilft Ihr Ansatz auch Menschen mit nur gelegentlichen Beschwerden?

Richter: Rückenschmerz ist nahezu immer gutartig und geht von allein weg – wenn das mehr Menschen wüssten, dann gäbe es für viele Hausärzte, Orthopäden und Physiotherapeuten gar nicht mehr die Möglichkeit, das Krankheitsbild Rückenschmerz so aufzubauschen.

FAZIT: Wir Ärzte sollten sehr auf unsere Worte achten. Meinen es oft gar nicht böse, werden aber noch schlimmer verstanden – mit schwerwiegenden Folgen für den Krankheitsverlauf. Und besonders wichtig scheint mir auch die Aussage, dass man „trotz Rückenschmerzen aktiv sein“ solle. Also sich eben gerade nicht schonen müsse. Wieder einmal lernen wir, dass Heilung auf Aktivität beruht !

Übrigens: Das Schmerzmittel Diclofenac (ein NSAR) hilft Ihnen auch, schädigt aber über Jahre genommen ziemlich sicher und unwiderruflich die Nieren. (News vom 11.03.2018)